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Autor Thema: Ein Lob auf den Polytheismus  (Gelesen 10943 mal)

Mc Claudia

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Ein Lob auf den Polytheismus
« am: September 24, 2011, 16:08:02 »
Hi,

ich mach mal einen thread über Polytheismus auf.

Nach reichlichem Überlegen, was am Polytheismus gut oder gar besser ist als am Monotheismus, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es für mich persönlich die Pluralität des Spirituellen ist, einerseits, das Menschliche im Göttlichen, andererseits, und letztlich auch das Spielerische.

Viele Dinge, die von neuen Heiden vorgebracht werden, weshalb Heidentum besser als Monotheismus sei, lassen sich relativieren.

Auch in polytheistischen Gesellschaften gab/gibt es Umweltzerstörung, Frauenunterdrückung, Kriege, Folter, Machtmissbrauch, sogar religiöse Repressionen, Zwang, Rassismus, Nationalismus, …

Was aber aus polytheistischer Sicht nicht geht, ist die Ansicht, die eigenen Gottheiten seien die einzigen auf der Welt oder die einzig wahren. Kein/e Polytheist/in hatte je behauptet, dass es außer den eigenen Gottheiten keine andere gäbe. Im Gegenteil. Aus der Geschichte kann man leicht ersehen, wie polytheistisch beeinflusste Philosophien damit umgingen, wie man die anderen Gottheiten sehen könnte. Man konnte sie abwerten (weil sie barbarisch waren) oder synkretisieren (was oft geschah) oder ins eigene Pantheon aufnehmen (was ebenfalls usus war). Aber ich habe noch nie von einer polytheistischen Aussage gehört, die alle nicht-eigenen Gottheiten für nicht existent hielte oder Grundsatzverbote deren Verehrung aussprach. Man möge, so das geht, mich bitte vom Gegenteil überzeugen.

Das nenne ich die Pluralität des Spirituellen. Wenn auch die Gesellschaft frauenunterdrückerisch, repressiv, diktatorisch ist – in einem polytheistischen System kann sich jede/r seine Gottheit aussuchen. Das gilt sogar für Sklav/innen.

Es gibt keine wahre Gottheit. Es ist wurscht, welche Gottheit man verehrt. Absolute Freiheit der Gottheitenverehrung. Demokratie und Pluralität im Himmel. Für mich die spirituelle logische Konsequenz der Pluralität und Demokratie auf Erden (von der ich hoffe, dass sie bald überall vorhanden ist).

Was in Polytheismen noch auffällt, ist, dass auch die Ethik/Moral nicht unmittelbar mit dem Glauben zusammenfällt. Für die Ethik waren im ollen Griechenland und Rom die Philosoph/innen zuständig. Die Priester/innen leiteten lediglich die Zeremonien und kümmerten sich um die Gottheiten. (In anderen trad. Heidentümern mag das anders gewesen sein – Göttliches Recht = menschliches Recht.)

Auf das Heute übertragen bedeutet das für mich, dass Ethik, die über der Religion stehen sollte, verbindlich für alle sein sollte (ich nenn mal z.B. die Menschenrechte), während Religion darunter angesiedelt ist und beliebig sein kann (Religionsfreiheit).

Das Menschliche und Spielerische, das offenbar in den trad. Religionen usus ist und sich überall im Volksreligiösen ausdrückt, ist die Vermenschlichung der Gottheiten. Sie sind nicht unerreichbar irgendwo ganz oben, übermächtig, allgütig, allweise, omnipotent, sondern hier bei uns, helfend bei unseren Alltagsproblemen, ansprechbar für unsere allzu menschlichen Wünsche und Bedürfnisse, bestechlich mit Opfergaben (do ut des) und selbst auch nicht immer ganz astrein. Heidnische Gottheiten scheinen mir mehr im Fetischismus angesiedelt als in der monotheistisch gedachten Omnipotenz. Ich glaube, dieser fast spielerisch, alltägliche Umgang mit dem Göttlichen hat auch in den Monotheismen die Heiligenverehrung hervorgebracht (die vom Prinzip her ähnlich der Gottheitenverehrung ist, mit der Ausnahme, dass der/die Heilige Mittler/in zu Gott ist, während die heidnischen Gottheiten niemanden mehr über sich haben) und im volksreligiösen Buddhismus das Herabholen von Buddha, Gottheiten und Bodhisattvas für banale Alltagsprobleme.

Große Ideen von Erleuchtung, spiritueller Vervollkommnung, etc. sind dem trad. Polytheismus bzw. dem Volksreligiösen fremd. Es geht in erster Linie um das Frieden-Schaffen zwischen Gottheiten und Menschen, für das hier und jetzt, für das (Über)Leben. Die hohen spirituellen Ansprüche (Kloster, Asketen, spirituelle Gemeinschaften, …) waren m.E. immer ein Elite- oder Minderheitenprogramm. Das Gros der Menschen verlangt wohl eher nach praktischen, alltagstauglichen Religionen. Mir persönlich reicht das auch. Mensch-Sein ist kompliziert genug, ich strebe nicht danach, einst eine Göttin zu werden.

Das ist es, das ich also am Polytheismus liebe, hier, so glaube ich, zeichnet er sich aus und hat seine Stärken.

Was sagt Ihr dazu?

Liebe Grüße

Mc Claudia
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Wælceasig

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #1 am: September 24, 2011, 17:04:16 »
Zitat von: "Mc Claudia"
Große Ideen von Erleuchtung, spiritueller Vervollkommnung, etc. sind dem trad. Polytheismus bzw. dem Volksreligiösen fremd. Es geht in erster Linie um das Frieden-Schaffen zwischen Gottheiten und Menschen, für das hier und jetzt, für das (Über)Leben. Die hohen spirituellen Ansprüche (Kloster, Asketen, spirituelle Gemeinschaften, …) waren m.E. immer ein Elite- oder Minderheitenprogramm.

Ich schätze Mal, dass ist bei allen Religionsformen so, dass die Masse der Leute hedonistisch ist, dass es aber auch in jeder Religionsform die Minderheit gibt, der das nicht reicht und die mehr suchen und lehren.
Was das betrifft, sind die polytheistischen Religionen vielleicht klüger, da ihnen diese Verteilung bewusst ist, wohingegen die Monotheisten solche Eliten immer mit Argwohn betrachtet haben, da die häufig die geltenden religiösen Lehren in Frage stellen.
Ich glaube aber nicht, dass das eine Frage von vielen oder nur einem Gott ist, sondern es etwas damit zu tun hat, dass die Macht des Kultpersonals beschnitten wird, wenn die Vertreter der Eliten sagen, dass der Mensch keinen Mittler zum Göttlichen braucht. Wenn dann das Kultpersonal auch noch gleichzeitig weltliche Macht besitzen, wirds ganz haarig.
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Crysalgira

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #2 am: September 24, 2011, 20:00:35 »
Hmmm, all-gütig, weise und omnipotent schließt zumindest für mich das Spielerische, Heitere, mir in meinem alltäglichen Leben Helfende nicht aus !
Ich bin ein Kind meiner Gottheiten und ich hab - wie von vielen Seiten gesagt wird  ;) - einen ziemlich schwarzen Humor, auch der kommt wie ich aus dem Göttlichen bzw. aus meiner Beziehung zu ihnen .... die Tragikomik des Lebens, die mich zu diesem Humor geführt hat, ist IHR Werk .... ;)

Was mir am polytheistischen Glauben z.B. griechisch-römischer Prägung irgendwie zuwenig ist, ist die so starke Anthropomorphisierung der Götter (siehe in der Ilias, die zänkische Hera, aua, das tut beinahe weh ....)
Ich kann mir gut vorstellen, dass genau das für Menschen mit dem durchschnittlich üblichen christlichen Hintergrund das Anziehende an dieser Form des Glaubens ist. Götter zum Angreifen eben.
Was mir da etwas zu kurz kommt, ist die Mystik - zugegeben, da ist auch die Überlieferung sehr dünn. Aber Glaube hat für mich etwas mit Mystik zu tun, mit Entwicklung, manches Mal mit Askese, mit Anstrengung, und sehr wenig mit Opfer, um etwas dafür zu bekommen. dieses Do ut des war mir immer schon suspekt, erinnert mich an Bazar und Kuhhandel ... Was ich gebe, gebe ich aus Dank, aus Liebe - ich "erwarte" mir nichts dafür. Wenn ich mal um etwas bitte, dann tue ich das einfach, ohne irgend etwas dafür zu "bieten" außer mir selbst.
Aber ich glaube, dass muss jeder mit sich selbst ausmachen ...

Ethik über Religion - nein, nicht für mich ... mein Glaube beinhaltet die Grundsätze meiner Ethik, sonst wär er nicht mein Glaube - und, ja, er schließt die Menschenrechte in sich ein, in etwas anderer Formulierung, aber im gleichen Sinn  :)

Crysalgira
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Il_ona

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #3 am: September 24, 2011, 21:34:38 »
Zitat
Auch in polytheistischen Gesellschaften gab/gibt es Umweltzerstörung, Frauenunterdrückung, Kriege, Folter, Machtmissbrauch, sogar religiöse Repressionen, Zwang, Rassismus, Nationalismus, …

Was aber aus polytheistischer Sicht nicht geht, ist die Ansicht, die eigenen Gottheiten seien die einzigen auf der Welt oder die einzig wahren. Kein/e Polytheist/in hatte je behauptet, dass es außer den eigenen Gottheiten keine andere gäbe.


Zum ersten Teil: Danke, dass es endlich mal einer sagt ;)

Zum Zweiten: Ich hab allerdings schon öfter Ansichten gehört von polytheistischer Seite, die im Endeffekt aussagten, dass es zwar alle anderen Götter aus polytheistischen Religionen gibt, aber nicht die der monotheistischen Götter. Ein Jahwe, Allah oder christlicher Gott ist für sie kein Gott ...  :weißnicht:


Zitat
Was mir am polytheistischen Glauben z.B. griechisch-römischer Prägung irgendwie zuwenig ist, ist die so starke Anthropomorphisierung der Götter (siehe in der Ilias, die zänkische Hera, aua, das tut beinahe weh ....)

Ja, ich denke, man darf da nicht vergessen, dass Homer auch nur ein Kind seiner Zeit war.
Das zeigt sich am Verhältnis Zeus-Hera ganz besonders schön.
Meiner Meinung nach sind die Mythen aller Völker (und dazu zähle ich jetzt mal die Geschichten der Bibel ebenso) in erster Linie die Anschaulichmachung des Göttlichen für die Menschen - und zwar eben auf eine Art, die sie nachvollziehen können.
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dagaz

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #4 am: September 25, 2011, 01:22:46 »
Zitat von: "Il_ona"
Ein Jahwe, Allah oder christlicher Gott ist für sie kein Gott ...  :weißnicht:

ein minderer dämon, der sich aufspielt?  :gruebel:
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mære metodes leoht - myrgþ ond tohiht
eadgum ond earmum - eallum brice

Mc Claudia

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #5 am: September 25, 2011, 01:46:42 »
Hi,

wegen der spirituellen „Eliten“. Ich versuche noch mal zu spezifizieren: Die gibt’s natürlich in jeder Religion, und einige  Religionen, die gegründet wurden, sind überhaupt vom Ideal der Elite ausgegangen (wie z.B. Buddhismus), wo sich erst danach die Volksreligion draus entwickelt hat, die die hehren Religionsstifter zu banalen Gottheiten herabgestuft haben, die man um Liebe, Kinder und Glück im Leben anrufen kann.

Ich glaube irgendwie, dass das Herausbilden von Ideen über Erleuchtung, Karma, in den Himmel kommen, Erlösung aus der materiellen Welt, Eins-Werden-mit-der-Gottheit (und zwar nicht nur für den kurzen Augenblick der Trance) etc. späte religiöse Entwicklungen sind, die erst in einer differenzierten Gesellschaft möglich sind. Man sieht das sehr schön in der klassischen Antike oder auch in der Entwicklung des Hinduismus. Bei beiden haben wir am Anfang die banale „do-ut-des-Götterverehrung“ mit Opferpraktiken. Aus dem Vedismus hat sich dann der Hinduismus entwickelt mit seiner Karmalehre, der Wunsch nach Brahman, der „Alles-ist-Eins“-Lehre, den mystischen Strömungen verschiedener Coleur und der Idee, dass Gott viele Gesichter (Gottheiten) hat.

Ähnlich in der hiesigen Antike. Mit den Naturphilosophen kam die Idee, dass monistische nicht-göttliche Mächte den Ursprung der Welt bedeuten, die Philosophen verachteten die Götter Homers, weil sie allzu menschlich waren. Es entwickelten sich die Mysterienkulte, später der Neuplatonismus mit der Emanationslehre und alles mündete letztlich in einer Art heidnischem Monotheismus und auch im Christentum.

Es mag in den frühen banalen polytheistischen Zeiten sicher auch vereinzelt Menschen gegeben haben, die sich da voll auf die Gottheiten einließen, mystisch waren. Aber richtige Bewegungen waren da noch nicht. Und die Stammesgesellschaften hatten/haben entweder Gemeinschaftsrituale oder Spezialist/innen, die mit den Gottheiten quatschen. Um Erleuchtung aus dem irdischen Leiden geht’s da aber auch nicht, sondern meist um die spirituelle Erhöhung des gemeinschaftlichen Zusammenhalts, ums Überleben, um Glück bei der Jagd, ne gute Ernte, Gesundheit, Kinder, etc.

So gesehen korrigiere ich mich da etwas: Spirituelle Eliten und Erlösungslehren sind in jeder Religion möglich, aber im Grunde meist eine Entwicklung aus einer bestehenden Religion, also eine neuere Entwicklung.

Ich persönlich mag zwar auch das Mystische – für mich persönlich, zeitweise – aber so grundsätzlich gehöre ich der do-ut-des-Fraktion an. Kuhhandel ist natürlich eine Umschreibung. Man kann es aber auch „harmonischer Ausgleich“ nennen. Wenn ich was will, muss ich dafür was hergeben. Wenn mir die Gottheiten was schenken, zeige ich meine Dankbarkeit. Wie im zwischenmenschlichen Bereich auch. Nur nehmen geht nicht. Nur geben ist auch blöd. Und natürlich kann man auch „präventiv geben“ also, ohne Hintergedanken „danke“ sagen und opfern und beten und machen und sich freuen, wenn die Gottheiten das nächste Mal wieder gnädig sind. Auch das ist do-ut-des – auf einer weniger egoistischen Ebene.

Aber - @Crysalgira – das alles ist wohl Geschmacksache. Ich weiß nicht, ob ich durch Götterglaube alleine wachse. Sie können mir dabei helfen. Aber für spirituelles Wachstum oder besser – für charakterliches Wachstum brauchts keine Gottheiten. Ich sehe sie da eher als Zusatz-Feature. Wer will, kann. Aber es geht im Prinzip auch ohne. Jede/r wie will und braucht. Oder anders ausgedrückt: Ich bin nicht deshalb Polytheistin, weil ich mir dadurch spirituelles Wachstum erwarte, sondern weil ich einfach an die Vielheit der Gottheiten GLAUBE, weil es mein Leben bunter macht, mich tröstet, mir Kraft gibt, mir etwas abgehen würde ohne sie. Das Gefühl des personifizierten Höheren, Edleren, Helfenden, und das im Plural, menschlich, aber trotzdem spirituell. Es ist seelische Nahrung für mich. Darum glaube ich. Ob ich durch spirituelle Praxis (Askese, Gebet, Ritual, Trance, Opfer,  …. ) wachse, weiß ich nicht, ist jedenfalls nicht mein dezidiertes Ziel. Ich wüsste nämlich nicht, wie ich das Ziel definieren soll. An Erleuchtung glaub ich nicht, an Karma auch nicht, an Schicksal auch nicht. Ich könnte es höchstens epikureisch ausdrücken (auch wenn sich Epikurs Götterverständnis vom do-ut-des-Gottheitenbild radikal unterscheidet), dass mir die Gottheiten Stabilität, Kraft, Liebe, Zuversicht schenken, woran ich mich halten kann, und was mir und meinen Nächsten zu einem glücklicheren, gelungeneren Leben verhilft. Das wäre es weitgehend. Mehr verlange ich nicht.

Natürlich verbinde ich mit meiner Religion auch meine Ethik. Das ist aber meine eigene Idee. Den ollen Kelten, deren Religion ich fürs Heute für mich praktiziere, würden „Menschenrechte“ nicht verstehen, sich vielleicht drüber totlachen. Auch diverse alte Texte im AT oder im Koran oder sonstwo sind im Kompletten nicht kompatibel mit der heutigen Ethik. Deshalb stelle ich sie grundsätzlich drüber. Aber das ist eine Sache, die natürlich jede Religion betrifft, nicht nur die polytheistischen. Und es ist einen eigenen thread wert und wird ja auch immer wieder in den großen Relis diskutiert. Denn es geht da um Grundsatzfragen: Wie heilig sind Gewaltdarstellungen oder Aufrufe zu Gewalt in alten Glaubensvorstellungen oder religiösen Texten? Darf/Soll man sie historisch sehen oder gelten sie heute auch noch? (OK, eigener Thread)

Zitat von: "Il_ona"
Zum ersten Teil: Danke, dass es endlich mal einer sagt ;)

Bitteschön. ;)

Zitat von: "Il_ona"
Zum Zweiten: Ich hab allerdings schon öfter Ansichten gehört von polytheistischer Seite, die im Endeffekt aussagten, dass es zwar alle anderen Götter aus polytheistischen Religionen gibt, aber nicht die der monotheistischen Götter. Ein Jahwe, Allah oder christlicher Gott ist für sie kein Gott ...  :weißnicht:

Naja, diese Aussage funktioniert nur in Reaktion auf den Monotheismus. Wenn mir ein exklusiver Monotheist (mit inklusiven habe ich weniger Probleme) sagt, nur sein Gott existiert, meine sind Einbildung oder allenfalls Dämonen, dann kann ich auch trotzig werden. :icon_twisted:

Aber ich bin ja eine nette Polytheistin. Ich löse dieses Dilemma so: Allah, der Christengott, etc. sind für mich einfach Götter unter vielen. Während für einen inklusiven Monotheisten meine Gottheiten einfach nur Gesichter des einen Gottes sind. Damit haben wir eine tolerante Annäherung und gut ist.
 
Liebe Grüße

Mc Claudia
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Babsi

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #6 am: September 25, 2011, 12:46:37 »
Zitat
Was mir da etwas zu kurz kommt, ist die Mystik - zugegeben, da ist auch die Überlieferung sehr dünn. Aber Glaube hat für mich etwas mit Mystik zu tun, mit Entwicklung, manches Mal mit Askese, mit Anstrengung, und sehr wenig mit Opfer, um etwas dafür zu bekommen. dieses Do ut des war mir immer schon suspekt, erinnert mich an Bazar und Kuhhandel ...

Da stimme ich weitgehend mit dir überein  :thumbsup:

Zitat
Zum Zweiten: Ich hab allerdings schon öfter Ansichten gehört von polytheistischer Seite, die im Endeffekt aussagten, dass es zwar alle anderen Götter aus polytheistischen Religionen gibt, aber nicht die der monotheistischen Götter. Ein Jahwe, Allah oder christlicher Gott ist für sie kein Gott ...

Ist das nicht irgendwie logisch? Ich meine, die monotheistischen Göttern zeichnen sich doch gerade dadurch aus, das sie die EINZIGEN sind. Oder, ähm, DER einzige. Sobald ich an den christlichen Gott glaube, darf ich an keine andern mehr glauben, und werde monotheistisch, einfach, weil der Glauben an den christlichen Gott nun mal beinhaltet, das er der einzige ist.

Sicher gibt es Leute, die das einfach ignorieren, aber, naja... :goofy:  :doh:
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Wenn zwei Falken auf einem Baum sitzen und ein Schwarm Wildenten fliegt vorbei, dann sagt auch nicht ein Falke zum andern:
"Schau, da fliegt die Mehrheit, das muss der richtige Weg sein, schließen wir uns an!"
Sie werden weiterhin als Falken dem Weg der Falken folgen.

Crysalgira

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #7 am: September 25, 2011, 13:23:00 »
Zitat von: "Mc Claudia"
Hi,
Aber - @Crysalgira – das alles ist wohl Geschmacksache. Ich weiß nicht, ob ich durch Götterglaube alleine wachse. Sie können mir dabei helfen. Aber für spirituelles Wachstum oder besser – für charakterliches Wachstum brauchts keine Gottheiten. Ich sehe sie da eher als Zusatz-Feature. Wer will, kann. Aber es geht im Prinzip auch ohne. Jede/r wie will und braucht. Oder anders ausgedrückt: Ich bin nicht deshalb Polytheistin, weil ich mir dadurch spirituelles Wachstum erwarte, sondern weil ich einfach an die Vielheit der Gottheiten GLAUBE, weil es mein Leben bunter macht, mich tröstet, mir Kraft gibt, mir etwas abgehen würde ohne sie. Das Gefühl des personifizierten Höheren, Edleren, Helfenden, und das im Plural, menschlich, aber trotzdem spirituell. Es ist seelische Nahrung für mich. Darum glaube ich. Ob ich durch spirituelle Praxis (Askese, Gebet, Ritual, Trance, Opfer,  …. ) wachse, weiß ich nicht, ist jedenfalls nicht mein dezidiertes Ziel. Ich wüsste nämlich nicht, wie ich das Ziel definieren soll. An Erleuchtung glaub ich nicht, an Karma auch nicht, an Schicksal auch nicht. Ich könnte es höchstens epikureisch ausdrücken (auch wenn sich Epikurs Götterverständnis vom do-ut-des-Gottheitenbild radikal unterscheidet), dass mir die Gottheiten Stabilität, Kraft, Liebe, Zuversicht schenken, woran ich mich halten kann, und was mir und meinen Nächsten zu einem glücklicheren, gelungeneren Leben verhilft. Das wäre es weitgehend. Mehr verlange ich nicht.
In meinem Leben gab es mal eine Zeit, da ich von Glauben, Gottheit, Karma usw. nichts, aber auch schon gar nichts mehr wissen wollte ... ich hatte meine Gründe.
Damals hab ich mich an Camus' Konzept vom "Heiligen ohne Gott" gehalten, dass er in La Peste zum Ausdruck bringt - Ethik um der Ethik, der Menschlichkeit willen. Als ich zu meinem Glauben zurückgefunden hatte, habe ich diese Überlegungen mit hineingenommen. Es hat das, was ich zuvor aus Tradition übernommen hatte, gewaltig verändert, weil vieles plötzlich Sinn ergab.

Warum ich zurückgekehrt bin? Nun, aus ähnlichen Überlegungen. Selbst die beste Ethik allein ist irgendwie leer, ohne Trost, reduzierrt auf das rein Menschliche. Das langt nicht für ein ganzes Leben  :)
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Wælceasig

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #8 am: September 25, 2011, 15:46:38 »
Zitat von: "Babsi"
Ist das nicht irgendwie logisch? Ich meine, die monotheistischen Göttern zeichnen sich doch gerade dadurch aus, das sie die EINZIGEN sind. Oder, ähm, DER einzige. Sobald ich an den christlichen Gott glaube, darf ich an keine andern mehr glauben, und werde monotheistisch, einfach, weil der Glauben an den christlichen Gott nun mal beinhaltet, das er der einzige ist.

Sicher gibt es Leute, die das einfach ignorieren, aber, naja... :goofy:  :doh:

Nein, es ist nicht logisch, da die monotheistischen Religionen nicht automatisch davon ausgehen, dass es keine anderen Götter gibt, sondern dass vielmehr die Anhänger nur einen einzigen Gott als den ihren anerkennen sollen.
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Il_ona

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #9 am: September 25, 2011, 18:16:42 »
Zitat von: "Babsi"

Zitat
Zum Zweiten: Ich hab allerdings schon öfter Ansichten gehört von polytheistischer Seite, die im Endeffekt aussagten, dass es zwar alle anderen Götter aus polytheistischen Religionen gibt, aber nicht die der monotheistischen Götter. Ein Jahwe, Allah oder christlicher Gott ist für sie kein Gott ...

Ist das nicht irgendwie logisch? Ich meine, die monotheistischen Göttern zeichnen sich doch gerade dadurch aus, das sie die EINZIGEN sind. Oder, ähm, DER einzige. Sobald ich an den christlichen Gott glaube, darf ich an keine andern mehr glauben, und werde monotheistisch, einfach, weil der Glauben an den christlichen Gott nun mal beinhaltet, das er der einzige ist.


Ich glaube, du hast mich falsch verstanden... es geht nicht darum, dass die Monotheisten glauben, außer ihrem Gott gäbe es keinen anderen - das WÄRE ja logisch (das bedingt sich ja sozusagen).
Es geht darum, dass Polytheisten der Ansicht sind, es gäbe alle anderen Götter auch, nur eben die der monotheistischen Religionen nicht.
Was soll daran logisch sein???  :confused:
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Wælceasig

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #10 am: September 25, 2011, 19:08:50 »
Zitat von: "Il_ona"
Ich glaube, du hast mich falsch verstanden...

Scheint so, denn offensichtlich hast du etwas anderes gemeint, als du an der Stelle, die ich zitiert habe, geschrieben hast.
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barbara

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #11 am: September 25, 2011, 20:19:14 »
mir scheint auch, der eine Gott im Monotheismus sei auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt als die Götter in Polytheismen. Von daher sehe ich kein Problem, die beiden Ansichten parallel leben zu lassen: mono ist das Eine, aus dem alles entstanden ist, die Quelle, der Ursprung - Poly, das sind die vielen verschiedenen Erscheinungsformen. Beides hat seine Berechtigung, alles zu seiner Zeit.

grüsse, barbara
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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #12 am: September 26, 2011, 11:26:51 »
Hi Barbara,

genau das ist der inklusive Monotheismus, den ich angesprochen habe. Also die "freundliche" liberale Form des Monotheismus.

@alle:

Es gibt ja mehrere Versionen des Monotheismus:

1. Jüdischer Stil: Es gibt zwar mehrere Gottheiten (Existenz akzeptiert), aber als Jude darf man nur den einen verehren, sonst kriegt man von genau dem eine aufs Dach.

2. Christlicher Stil in der Antike: Es gibt nur einen (dreieinigen) Gott, alles andere, was unter dem Label "Gottheiten" läuft, sind allenfalls Dämonen, Götzen.

3. Islamischer Stil: Ähnlich wie christlich, nur nicht dreieinig, sondern einzig. Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet.

Als Polytheistin kann ich natürlich verschieden reagieren:

1. Jede Gottheit ist polytheistisch, also auch die monotheistischen. Ob ich die, die behaupten, die einzigen zu sein, auch verehren mag, ist Geschmacksache. Ich kanns nicht. (Allerdings gebe ich auch zu, dass ich die polaren Gottheiten des Wicca aus Gewissensgründen so nicht mehr verehren kann.)

2. Der Monogott ist ein Feind der polytheistischen Gottheiten (ähnlich wie ein Tyrann oder Diktator) und wird daher keinesfalls verehrt, die Existenz aber als Gott zugestanden.

3. Der Monogott existiert nicht, weil er dem polytheistischen Gedanken widerspricht, da es nichts exklusives gibt.

So ähnlich kann ich mir das vorstellen.

Liebe Grüße

Mc Claudia
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Il_ona

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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #13 am: September 26, 2011, 18:51:39 »
Zitat von: "Wælceasig"
Zitat von: "Il_ona"
Ich glaube, du hast mich falsch verstanden...

Scheint so, denn offensichtlich hast du etwas anderes gemeint, als du an der Stelle, die ich zitiert habe, geschrieben hast.

Jetzt kann ich gar nimmer folgen  :gruebel:
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Re: Ein Lob auf den Polytheismus
« Antwort #14 am: September 27, 2011, 10:31:17 »
Sorry, ich hatte Babsis Aussage gemeint, auf die hatte ich mich in meinem letzen Posting bezogen.
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